#23 Kultur ist politisch. Immer.
24.02.2026 20 min
Zusammenfassung & Show Notes
In dieser Episode von Traces of Light nimmt dich Host Elsbeth Horbaty mit auf eine Zugreise von Winterthur nach Lausanne – gemeinsam mit sieben weiteren Frauen. Ziel ist eine Kunstausstellung in Lausanne: Werke des Schweizer Malers Félix Vallotton. Was nach einem klassischen Kulturausflug klingt, wird schnell zu einer Geschichte über Gemeinschaft, Mut, Einschränkungen – und darüber, wie Kultur tragen kann, wenn sich der Blick verändert.
Elsbeth spricht mit Elisabeth Moser, Winterthurer Journalistin, Schreibdozentin und Gründerin des Formats KULTOUR: ein Angebot, das Menschen ermöglicht, Kunst und Kultur gemeinsam zu erleben – ohne organisatorischen Druck. Kleine Gruppen, Zeit für Austausch, Raum für Gespräche: über Kunst, Weltpolitik, Kinder und Enkel, Lebenswege und das Älterwerden.
Kernthemen der Folge
KULTOUR als Format:
Elisabeth Moser organisiert Kulturreisen und Ausflüge für kleine Gruppen – bewusst persönlich, überschaubar und zugewandt. Viele Teilnehmende schätzen: „Ich musste mich um nichts kümmern und habe so viel gesehen.“
Elisabeth Moser organisiert Kulturreisen und Ausflüge für kleine Gruppen – bewusst persönlich, überschaubar und zugewandt. Viele Teilnehmende schätzen: „Ich musste mich um nichts kümmern und habe so viel gesehen.“
Älterwerden & Einschränkungen:
Elisabeth spricht offen über ihre Diagnose Makuladegeneration und darüber, wie subtil und gleichzeitig tiefgreifend sich der Alltag verändert: packen, suchen, orientieren, ankommen – alles braucht mehr Zeit. Der Lernprozess ist nicht nur körperlich, sondern auch emotional: vom „Ich war immer schnell“ hin zu „Ich plane Zeit ein“.
Elisabeth spricht offen über ihre Diagnose Makuladegeneration und darüber, wie subtil und gleichzeitig tiefgreifend sich der Alltag verändert: packen, suchen, orientieren, ankommen – alles braucht mehr Zeit. Der Lernprozess ist nicht nur körperlich, sondern auch emotional: vom „Ich war immer schnell“ hin zu „Ich plane Zeit ein“.
Kunst sehen – anders sehen:
Was passiert, wenn man Bilder nicht mehr so scharf erkennt wie früher? Wie kann ein Handy helfen, Details wahrzunehmen? Und wie verändert sich das Empfinden für Licht und Schatten, wenn der Blick sich wandelt?
Was passiert, wenn man Bilder nicht mehr so scharf erkennt wie früher? Wie kann ein Handy helfen, Details wahrzunehmen? Und wie verändert sich das Empfinden für Licht und Schatten, wenn der Blick sich wandelt?
Kultur als Resilienz:
Elsbeth verbindet das Thema Kultur mit ihrer Arbeit rund um Resilienz: Wenn Menschen gemeinsam etwas erleben – ein Bild betrachten, ein Lied singen, ein Gespräch führen – entsteht Verbindung. Und Verbindung gibt Halt.
Elsbeth verbindet das Thema Kultur mit ihrer Arbeit rund um Resilienz: Wenn Menschen gemeinsam etwas erleben – ein Bild betrachten, ein Lied singen, ein Gespräch führen – entsteht Verbindung. Und Verbindung gibt Halt.
Singen als Zeichen (Minneapolis):
Gegen Ende wird ein Bogen in die USA geschlagen: Elsbeth erzählt von einem Video aus Minneapolis, in dem Menschen singend durch die Straßen gehen – als Zeichen von Zusammenhalt: „Ihr seid nicht allein.“
Ein Ausblick folgt: In den nächsten Episoden werden Stimmen aus den USA hörbar, von Menschen, die nach Jobverlust neue Wege suchen müssen.
Gegen Ende wird ein Bogen in die USA geschlagen: Elsbeth erzählt von einem Video aus Minneapolis, in dem Menschen singend durch die Straßen gehen – als Zeichen von Zusammenhalt: „Ihr seid nicht allein.“
Ein Ausblick folgt: In den nächsten Episoden werden Stimmen aus den USA hörbar, von Menschen, die nach Jobverlust neue Wege suchen müssen.
Menschen in dieser Folge
Elsbeth Horbaty (Host)
Auf der Suche nach Menschen und Gemeinschaften, die in schwierigen Zeiten Mut machen.
Auf der Suche nach Menschen und Gemeinschaften, die in schwierigen Zeiten Mut machen.
Elisabeth Moser (Gast)
Journalistin und Schreibdozentin aus Winterthur. Gründerin des Formats KULTOUR. Arbeitet u.a. mit Schreibgruppen, Schreibimpulsen per E-Mail („Schreibfunk“) und Seminaren wie „Briefe öffnen Türen“.
Journalistin und Schreibdozentin aus Winterthur. Gründerin des Formats KULTOUR. Arbeitet u.a. mit Schreibgruppen, Schreibimpulsen per E-Mail („Schreibfunk“) und Seminaren wie „Briefe öffnen Türen“.
Zitate & Gedanken, die bleiben
- „Wir schauen noch immer hin – und wir gehen noch immer los.“
- „Ich will mich nicht einfach zu Hause in den Lehnstuhl setzen.“
- „Kultur ist für mich nie nur etwas Schönes – sie ist eine Kraftquelle.“
- „Gemeinschaft ist vielleicht die leise Antwort auf das Sich-nicht-zurückziehen.“
Kapitel / Orientierung (aus dem Gesprächverlauf)
- Zugreise & Gruppenerlebnis: Frauen im Abteil, Gespräche, Neugier, Austausch
- Diagnose Makuladegeneration: Alltag, Stress, Tempoverlust, Anpassung
- Elisabeths Lebensweg: Ausland, Schreiben, Journalismus, USA-Erfahrungen
- Schreiben & Menschen: Werkstätten, Lebensgeschichten, Briefe, Schreibgruppe
- KULTOUR in der Praxis: kleine Gruppen, individuelle Führung, Lausanne-Ausflug
- Kunst & Wahrnehmung: Sehen mit Hilfsmitteln, Licht und Schatten, Details
- Kultur & Politik: Verbundenheit, Resilienz, Singen als Zeichen
- Ausblick USA-Folgen: neue Wege nach Jobverlust in der Entwicklungszusammenarbeit
Website Elisabeth Moser
Vallotton Forever. Die Retrospektive
Ausstellung Muséé Cantonal des Beaux Arts, Lausanne
https://www.mcba.ch/de/ausstellungen/vallotton-forever/
https://www.mcba.ch/de/ausstellungen/vallotton-forever/
Erwähnt in der Folge
- Format: KULTOUR (Kulturausflüge und Reisen in kleinen Gruppen)
- Ausstellung: Félix Vallotton in Lausanne
- Orte: Winterthur, Lausanne, Minneapolis, Prag (geplanter Besuch)
- Themen: Makuladegeneration, Älterwerden, Schreiben, Resilienz, Kultur & Demokratie
In den kommenden Folgen bringt Elsbeth Stimmen aus den USA: Menschen, die nach einem plötzlichen beruflichen Umbruch neue Wege suchen – und dabei nicht aufgeben, sondern neu anfangen.
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- Teile die Folge mit Menschen, die Kultur als Kraftquelle erleben
- Schreib uns: Welche Ausstellung, welcher Song oder welcher kulturelle Moment hat dich in deinem Leben getragen?
Transkript
Willkommen bei Traces of Light. Elsbeth Horbaty nimmt dich mit auf die
Suche nach Menschen und Gemeinschaften, die in diesen schwierigen Zeiten
Mut machen.
Der SBB begrüsst Sie im InterCity 5 nach Olten – Önsingen – Solothurn –
Biel – Neuchâtel – Lausanne und wünscht Ihnen eine angenehme Reise.
Ich sitze im Zug von Winterthur nach Lausanne zusammen mit sieben anderen
Frauen. Wir sind unterwegs mit KULTUR, einem Format, das Elisabeth Moser
Journalistin aus Winterthur gegründet hat.
Dieses Format soll es Menschen ermöglichen, Kunst und Kultur gemeinsam
erleben zu können, ohne alles selbst organisieren zu müssen. Kleine
Gruppen, Zeit für Gespräche und Austausch.
Im Abteil wird angeregt diskutiert über Ausstellungen, über Weltpolitik,
über unsere Kinder und Enkel. Wir sind Frauen mit vielen
Lebensgeschichten, mit Reisen hinter uns, mit Erfahrungen, die uns geprägt
haben, und noch immer voller Neugier und Engagement. Heute besuchen wir
die Ausstellung des Schweizer Malers Felix Vallotton im Musee Gaternal de
Bossard in Lausanne. Vielleicht sehen wir die Bilder nicht mehr so ganz
scharf wie früher, aber wir schauen noch immer hin und wir gehen noch
immer los.
In dieser Folge spreche ich mit Elisabeth Moser über Kultur, über das
Älterwerden und darüber, was uns trägt, wenn sich der Blick verändert.
Willkommen bei Traces of Light.
Heute bin ich zu Hause bei Elisabeth Moser, in der Nähe vom Hallenbad in
Winterthur. Ich kenne sie nicht so gut. Ich weiss, sie ist eigentlich eine
stadtbekannte Journalistin. Die Freundin von mir kennt sie sehr gut. Ich
frage dich danach ein paar Stationen von deinem Leben. Aber wir haben uns
kennengelernt, weil wir beide dieselbe Augenkrankheit haben. So sind wir
uns näher gekommen.
Und auch Elisabeth macht in diesen Tagen etwas, das heisst KULTUR. Darüber
hören wir jetzt in diesem Gespräch mit Elisabeth Moser. Elisabeth, danke,
dass du dabei bist.
Aber gerne. Ich bin mir das nicht so gewohnt, über mich zu sprechen und
über eine Krankheit schon gar nicht. Aber ich habe jetzt seit anderthalb
Jahren die Diagnose Makuladegeneration. Und für mich war das zuerst gar
nicht so ein grosser Schock, weil ich gedacht habe, wir sehen ja alle
Leute ein bisschen schlechter im Alter. Und ich war immer sehr aktiv, ich
habe viel geschrieben, viel gelesen.
Ich bin viel unterwegs, gehe gerne in Museen und habe gemerkt, dass das
alles sehr viel schwieriger wird.
Es wird komplizierter, wenn ich auf dem Bahngleis stehe und die Sonne
scheint, dann sehe ich eigentlich nichts, wohin der Zug fährt. Das ist ein
bisschen kompliziert und das habe ich jetzt gelernt. Ich habe gelernt, mir
Zeit einzuplanen für kleine Dinge. Also wenn ich packe, wenn ich aus dem
Haus gehe, weil ich grundsätzlich viel mehr suchen muss.
Wo sind jetzt die schwarzen Handschuhe? Habe ich wirklich nicht einen
blauen und einen schwarzen Socken an den Füssen? Und das hat mir
eigentlich viel mehr zu schaffen gemacht, dass ich jetzt in einem Status
eingeschränkt, behindert bin. Dass ich nicht mehr die schnellste und nicht
mehr die speditivste Person bin. Bei mir geht immer alles relativ schnell
sonst.
Das war der Lernprozess und der hat sich dann plötzlich in einen hohen
Blutdruck verwandelt.
Und da war ich sehr überrascht, weil ich hatte immer einen sehr normalen.
Das ist unterdessen wieder vorbei, aber das war irgendwo die Spitze der
Sache, dass mich das alles ziemlich stresst. Und dann habe ich gemerkt,
aber ich will mein Leben weiterführen, wie ich es gerne möchte. Sachen
organisieren für andere Menschen, ein Leseclub, Reisen nach England,
Ausflüge.
Und dann habe ich angefangen als Freelancerin, ich habe Kolumnen
geschrieben, Geschichten für das Elternmagazin, natürlich, logischerweise,
und habe bei Zeitschriften mitgewirkt. Ich weiss gar nicht mehr alles, ich
habe sehr viel geschrieben.
Ja, das glaube ich dir, ja. Und jetzt bist du eigentlich, wie ich,
pensioniert oder in Rente, wie die Deutschen sagen. Und schon seit ein
paar Jahren machst du noch immer sehr viel oder sehr viel spannende Dinge.
Vielleicht machst du einfach ein paar Stationen noch dazu erzählen. Du
machst Lesegruppen, du unterrichtest Englisch.
Ja, und ich habe dann eigentlich mit dem Journalismus gemerkt, dass es
eine andere Form des Schreibens geben müsste. Und dann habe ich viele
Ausbildungen gemacht in kreativem Schreiben, Poesietherapie, an der Uni
Fribourg, Lebensgeschichten erzählen und schreiben. Und habe da so
gemerkt, das ist eigentlich das, was ich gerne mache, mit Menschen
arbeiten, ihre Geschichten erfahren und nicht unbedingt so über eine
Pressekonferenz berichten. Und habe da mich aufs Kolumnenschreiben
beschränkt und aufs Unterrichten.
Ich habe sehr viele Schreibwerkstätten auch in Spitälern erteilt für das
Pflegepersonal. Wie man wertfrei schreibt oder wie man kreativ schreibt.
Mit den kreativen Methoden nimmt man vielen Leuten die Angst vor dem
Schreiben. Und das empfinde ich als beglückend.
Schön. Eben, das machst du weiterhin.
Das mache ich weiter. Spitäler arbeite ich nicht mehr. Die haben das,
glaube ich, auch abgeschafft. Keine Zeit. Die haben keine Zeit, die
Pflegenden in Tageskurse zu schicken. Aber ich gebe immer mal wieder
Wochenendseminare zum Thema Briefe öffnen Türen.
Sternenberg war ich schon zweimal. Und ich habe meine Schreibgruppe hier
bei mir, einmal im Monat. Ich habe einen Schreibfunk, den ich per E -Mail
verschicke. Und dann können die Leute mit den Anregungen was einschicken
und dann besprechen wir das per Zoom. Das ist eine sehr spannende Aufgabe.
Und dann das, was du erwähnt hast, Kultur. Das ist einfach wichtig. Ich
habe gemerkt, ich mache diese Reisen nach England, etwa zwei oder drei im
Jahr, England, Irland, Schottland, mit kleinen Gruppen, sehr kleinen
Gruppen, sechs Personen.
Und ich habe gemerkt, dass die Leute, je älter sie werden, sie werden gern
geführt, aber nicht straff geführt in einem 20-plätzigen Auto, sondern so
individuell, dass man auf ihre Interessen eingehen kann.
Und ich durfte jetzt das erste Mal dabei sein, wo wir nach Lausanne
gefahren sind, um den Maler Vallotton näher kennenzulernen. Für mich war
es ganz neu kennenzulernen, für dich natürlich nicht, aber welcher Moment
ist dir jetzt so geblieben von dem Tag, wo du das erste Mal jetzt so
organisiert hast?
Ja, dass wenn dann die Damen so ausschweifen, in die Räume gehen und so
versunken vor einem Bild stehen und dann strahlen und sagen, das ist
interessant, schön, und man sich nachher wieder trifft und dass sie
finden, da haben sie jetzt so viel gesehen und sie mussten sich um nichts
kümmern.
Weil du eben alles organisierst?
Weil ich alles organisiere, Mittagessen und so, die Tickets gebe ich, ich
merke, dass das geschätzt wird und das finde ich wunderbar und ich finde
es eigentlich sehr logisch, dass ich das mache.
Ah schön, ja eben, also ich denke...
Kultur, in dem Sinn, wir werden alle älter, Kultur wird auch immer wieder
wichtiger, man kann ja Gefühle vielleicht mehr ausdrücken auf diese Art
und Weise. Was fasziniert dich so speziell jetzt so einer Ausstellung?
Also es gibt so verschiedene Ebenen, wie ich eine Ausstellung sehe, so das
Gesamtkonzept. Also Walentund habe ich noch nie so ausführlich gesehen,
wie jetzt in Lausanne, und der hat mir schon immer gefallen. Und als
Winterthurerinnen liegt er uns nahe. Wir haben sehr viel aus Winterthur
gezeigt in Lausanne. Dann geht es mir auch darum,
wie sich die Leute zu Kunst äussern, was es mit ihnen macht, berührt,
erstaunt. Das ist mir schon sehr wichtig. Die Museen sind da und kosten
sehr viel Geld, ob wir drin sind oder nicht. Es ist wichtig, dass wir
unser Kulturgut auch wirklich schätzen und nutzen. Viele Leute sind ein
bisschen museumscheu. Sie denken, sie verstehen ja nicht so viel oder
kennen die Künstler nicht.
Man lernt immer etwas über die Kunstschaffenden und über sich selbst. Wir
beide sehen ja vielleicht die Bilder nicht mehr so, wie wir es vor zehn
Jahren sehen konnten. Und haben uns jetzt gerade bei dieser Ausstellung
ausgetauscht, wie man über das Handy auch Details noch wahrnehmen können.
Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass ich Licht und Schatten besser sehe,
seit ich diese auch, oder anders war.
Vor allem in der Fotografie oder auch wenn ich selber fotografiere. Aber
auch an dieser Ausstellung ist mir das sehr, die Versuche von diesem
Maler, das Licht zu porträtieren, sehr aufgefallen.
Geht es dir ähnlich oder nicht?
Es ist ein bisschen unterschiedlich. Ich sehe nicht jeden Tag gleich
schlecht oder gleich gut. Ich habe noch nicht herausgefunden, womit es zu
tun hat.
Du hast eigentlich nicht viel aufgegeben von dem, was du sonst machst.
Velo fahren. Autofahren.
Das habe ich auch ausgegeben.
Das hat mich nicht so gestört. Velo fahren. Ich brauche mir Zeit. Mit dem
Velo war ich immer schnell irgendwo. Und jetzt muss ich Zeit einrechnen.
Und so Grossveranstaltungen mit einer Gruppe Menschen an die
Musikfestwochen. Das geht gar nicht, weil ich die Leute verliere. Ich sehe
sie dann nicht.
in der Menschenmenge. Und als Letzte in ein Restaurant oder eine Bar
hinein zu gehen, wenn alle schon da sind, da fast alle, dann stehe ich ein
bisschen doof da. Weil entweder winkt mir jemand, jemand, der das weiss,
und sagt, wir sind da hinten, und sonst habe ich keine Ahnung, wo meine
Freunde sind. Das geht mir auch so, ja.
Aber du hast nicht aufgegeben, ich finde das bewundernswert, wie du trotz
allem dranbleibst, Dinge machst. Wo findest du die Intuition oder die
Kraft, so etwas zu machen?
Wahrscheinlich bin ich etwas dickköpfig, dass ich einfach finde, ich will
mich nicht einfach zu Hause in den Lehnstuhl setzen, ich will aktiv
draußen in der Welt sein. Zum Glück kann ich noch lesen.
Du kannst noch immer lesen.
Ich kann noch lesen.
Ich höre einfach Hörbücher, dann ist man auch dabei, oder die Nachrichten.
Ja. Aber offensichtlich hast du auch Lust und Kraft, in dieser
komplizierten Welt doch noch einen Beitrag zu leisten.
Unbedingt. Wahrscheinlich werde ich jetzt ein bisschen emsig, weil ich ja
nicht weiss, wie das weitergeht. Ich werde jetzt noch ein paar
Ausflüge und Reisen machen, die ich schon lange mal machen wollte. Ich
möchte unbedingt nach Prag, da war ich noch nie, in die Kafka -Stadt. Und
das mache ich jetzt einfach noch, und wahrscheinlich mache ich das sogar
mit dem Flugzeug. Kann ich mich ein bisschen schämen. Aber das muss jetzt
einfach sein. Ich weiss nicht, wie lange das für mich noch geht.
Und eben auch politisch ist es eigentlich, Kultur ist ja auch immer
politisch. Und es ist eine Art, die Welt so wahrzunehmen, wie wir das
Glück hatten, das zu leben. In Demokratie und Freiheit, was ja jetzt nicht
mehr selbstverständlich ist. Und dann braucht es eben engagierte Frauen.
Wie du. Danke vielmal, Elisabeth. Für mich ist Kultur nie nur etwas
Schönes. Für mich ist sie auch eine Kraftwelle.
In meinen Resilienzkursen erlebe ich, Menschen werden stärker, wenn sie
etwas gemeinsam erleben. Wenn wir ein Bild anschauen, ein Gespräch führen
oder ein Lied singen, entsteht Verbindung. Und eine Verbindung gibt
meistens Halt. Zu acht im Zug zu sitzen und eine Ausstellung zu besuchen,
ist mehr als ein Ausflug. Es ist Gemeinschaft. Und vielleicht auch eine
leise Antwort, auf das sich nicht zurückziehen. Politik und Kultur gehören
zusammen. In den USA haben Liedermenschen getragen seit vielen
Jahrhunderten, in Zeiten der Unterdrückung und Krieg.
Und auch heute sehe ich, wie singen Menschen wieder verbindet. Eine
Freundin aus Minneapolis hat mir ein Video geschickt. Menschen gehen durch
die Strassen und singen. Das ist ein Zeichen. Ihr seid alle nicht allein,
wir sind alle gemeinsam hier. In den nächsten Folgen werde ich Stimmen aus
den USA hörbar machen, von Menschen, die wie ich in der
Entwicklungszusammenarbeit gearbeitet haben und dann vor einem Jahr
plötzlich ihre Arbeit verloren und nun neue Wege suchen müssen. Mehr davon
im nächsten Podcast.
Und hier, wie gewohnt, zwei Fragen zu diesem Thema. Ich würde mich freuen,
wenn ihr diese im Kommentar beantworten könntet. Welcher Song oder welches
Musikstück hat dich am meisten inspiriert in deinem Leben?
Die zweite Frage ist, weshalb glaubst du, dass uns Kultur so stark
motiviert, im Gesellschaftlichen etwas zu tun? Jetzt hören wir dieses
Singen aus Minneapolis.
Das war Traces of Light, ein Podcast von Elsbeth Horbaty, die auf der
Suche nach Menschen und Gemeinschaften ist, die in diesen schwierigen
Zeiten Mut machen.