#28 Lebensfreude braucht keine perfekte Sicht
11.08.2026 19 min
Zusammenfassung & Show Notes
Elsbeth Horbaty spricht in dieser Folge von «Traces of Light» mit Aura Zahner darüber, wie sich das Leben verändert, wenn das Sehvermögen immer weiter abnimmt – und wie Selbstständigkeit, moderne Hilfsmittel und Lebensmut neue Möglichkeiten eröffnen können.
Seit rund 30 Jahren berät Aura Zahner in Zürich Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung. Zugleich kennt sie deren Herausforderungen aus eigener Erfahrung: Seit ihrer Jugend lebt sie mit einer Makuladegeneration und verfügt heute noch über etwa fünf Prozent Sehvermögen.
Aura Zahner erzählt, wie sie nach einem entmutigenden Arztbesuch durch Zufall eine Beratungsstelle fand. Statt sich zurückzuziehen, absolvierte sie eine Informatikausbildung mit Spezialisierung auf Hilfsmittel für sehbehinderte und blinde Menschen. Ihr stärkster Antrieb war dabei stets der Wunsch, selbstständig zu bleiben.
Im Gespräch geht es auch um die Trauer, die mit einem Sehverlust verbunden sein kann. Aura Zahner erklärt, weshalb Betroffene zunächst Zeit und Verständnis brauchen – und warum neue Hilfsmittel erst dann wirklich helfen können, wenn ein Mensch bereit dafür ist.
Besonders berührend ist die Geschichte einer 92-jährigen Klientin: Sie lernte das Zehnfingersystem, schrieb E-Mails und nutzte schliesslich sogar Smartphone und WhatsApp, um mit ihrer Familie in Kontakt zu bleiben.
Die Folge zeigt: Auch wenn das Sehvermögen kleiner wird, müssen die Möglichkeiten im Leben nicht kleiner werden. Unterstützung, zugängliche Technologien und der Mut, Neues auszuprobieren, können viele Türen öffnen.
Themen dieser Folge
- Leben mit Makuladegeneration und stark eingeschränktem Sehvermögen
- Selbstständigkeit als persönlicher Antrieb
- Der Umgang mit Diagnose, Verlust und Trauer
- Beratung sowie soziale und psychologische Unterstützung
- Digitale Hilfsmittel, Smartphones und Bedienungshilfen
- Lernen und Technik im hohen Alter
- Warum Hören ebenfalls Lesen ist
- Zuversicht, Neugier und das Motto «Jetzt erst recht»
Ein Gedanke zum Mitnehmen
«Man hat zwei Möglichkeiten: Entweder man gibt auf – oder man sagt: Jetzt erst recht.»
Transkript
Willkommen bei «Traces of Light». Elsbeth Horbaty nimmt dich mit auf die Suche nach Menschen und Gemeinschaften, die in diesen schwierigen Zeiten Mut machen.
Wie lebt es sich eigentlich mit einer Sehbeeinträchtigung? Was hilft im Alltag und wo finde ich Unterstützung? Darüber spreche ich heute mit Frau Aura Zahner. Sie arbeitet seit rund 30 Jahren in einer Zürcher Beratungsstelle für Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung und hat in dieser Zeit unzählige Menschen begleitet. Auch mir hat sie mit ihrem grossen Wissen, praktischen Tipps und vielen Möglichkeiten immer wieder Mut gemacht.
Sie hat mir verschiedene Möglichkeiten gezeigt, das Leben mit eingeschränktem Sehvermögen zu erleichtern – von digitalen und praktischen Hilfsmitteln bis hin zur persönlichen Beratung und sozialen Unterstützung.
Aber was genau macht Frau Zahner so besonders? Sie kennt diese Herausforderungen nicht nur aus ihrer beruflichen Tätigkeit, sondern aus eigener Erfahrung. Seit ihrer Jugend lebt sie selbst mit einer schwachen Sehkraft, seit Jahren nur noch mit etwa fünf Prozent. Trotzdem strahlt sie eine beeindruckende Lebensfreude, Kompetenz und Zuversicht aus.
Vor rund zehn Jahren durfte ich sie zum ersten Mal kennenlernen. Ihre Beratung hat mir damals sehr geholfen. Und jetzt, zehn Jahre später, begleitet sie mich erneut mit den neuesten Möglichkeiten rund um Smartphones, Computer und künstliche Intelligenz. Sie zeigt mir, wie Technologien und Bedienungshilfen neue Erlebnisse ermöglichen.
Guten Tag, Frau Zahner.
Guten Tag, Frau Horbaty.
Danke, dass Sie sich zur Verfügung stellen, um bei meinem Podcast «Traces of Light» mitzumachen. Ich möchte Sie gerne als eine Person vorstellen, die mich sehr inspiriert hat.
Vielen Dank. Ich habe Sie vor fast zehn Jahren kennengelernt.
Ja, ungefähr.
Damals liess ich mich zum ersten Mal beraten, weil meine Sehkraft nachgelassen hatte. Ich hatte eine Makuladegeneration entwickelt, und man schickte mich zu Ihnen. Sie würden mich mit digitalen Hilfsmitteln unterstützen können.
Sie haben mich damals sehr beeindruckt, weil ich von Ihnen eine so wunderbare Beratung an Handy und Computer erhalten habe.
Danach sagten Sie, Sie hätten nur noch etwa fünf Prozent Sehvermögen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie Sie mich am Handy und am Computer anleiten und beraten konnten. Vor ein paar Wochen war ich noch einmal bei Ihnen. Da sagten Sie, Sie würden bald pensioniert. Das hat bei mir einige Fragen ausgelöst. Wenn Sie zurückdenken: Etwa 30 Jahre ist das her. Stimmt das?
Die hochgradige Sehbeeinträchtigung liegt ungefähr 42 Jahre zurück. Ich wurde mit einer Makuladegeneration geboren. Es gibt auch eine juvenile Makuladegeneration.
Ausgelöst wurde sie dann schliesslich nach der Geburt des zweiten Kindes.
Oje, das tut mir leid. Dann sind Sie heute schon seit 42 Jahren, darf man sagen, sehbehindert?
Wir sagen sehbeeinträchtigt.
Sehbeeinträchtigt, ja. Und seit etwa 30 Jahren sind Sie in der Beratung tätig.
An dem Ort, an dem ich jetzt pensioniert werde, bin ich seit 26 Jahren tätig. Davor war ich vier Jahre an einem anderen Ort tätig.
Wie haben Sie damals entschieden, sich für die Beratung von Menschen mit Sehbeeinträchtigung einzusetzen?
Was hat Sie motiviert?
Das verdanke ich eigentlich einem nicht ganz sozial kompetenten Augenarzt. Nach der Geburt meiner Tochter merkte ich, dass ich nicht mehr lesen konnte. Es ging nichts mehr.
Ich ging zur Untersuchung, und er speiste mich ab mit: «Jetzt sind Sie Mutter, haben zwei Kinder und sind Hausfrau und Mutter. Geben Sie sich damit zufrieden. Punkt.» Er sagte mir nichts von Beratungsstellen und wies mich nicht darauf hin, dass es Möglichkeiten oder Hilfe gibt.
Durch Zufall hörte ich dann von einer Beratungsstelle und meldete mich dort. Sie halfen mir weiter. Zuerst wollten sie eine IV-Anmeldung für eine Rente machen, und das wollte ich nicht.
Ich wollte arbeiten, selbstständig bleiben und etwas machen. Dadurch kam ich zu einer Institution, die erwachsene Menschen umschult und ausbildet.
Dort absolvierte ich eine vierjährige Informatikausbildung mit Spezialisierung auf Hilfsmittel für sehbehinderte und blinde Menschen. Anschliessend machte ich noch die Ausbildung zur eidgenössisch diplomierten Erwachsenenbildnerin. Dafür investierte ich nochmals drei Jahre.
Irgendwann sprach mich jemand darauf an, dass eine Zürcher Beratungsstelle ein Projekt lancierte. Sie hatten noch kein Informatikangebot und wollten eines aufbauen. Ich stellte mich dort vor, bekam die Stelle, und innerhalb von sechs Monaten wurde aus diesem Projekt eine hundertprozentige Arbeitsstelle.
Das ist unglaublich. Sie haben zwei Kinder, eine hundertprozentige Anstellung und eine oder sogar mehrere Ausbildungen gemacht. Wie haben Sie das alles geschafft, obwohl Ihr Sehvermögen stark eingeschränkt war?
Dank den Hilfsmitteln natürlich – sei es am Computer oder mit Bildschirmlesegeräten, später dann mit iPhone und iPad. Ich war natürlich noch jünger, hatte viel mehr Energie und konnte so doch einiges bewirken.
Woher hatten Sie den Mut, einfach loszulegen und zu machen? Wer hat Sie dazu inspiriert?
Ich denke, das liegt in der Natur unserer Familie. Ich habe drei Geschwister, und zwei von ihnen haben ebenfalls eine juvenile Makuladegeneration. Sie sind ein paar Jährchen älter als ich.
Von ihnen konnte ich lernen, dass man trotz allem selbstständig sein kann. Selbstständigkeit ist bis heute ein Grundbedürfnis von mir: nicht auf allzu viel Hilfe angewiesen zu sein. Ich glaube, das war immer mein innerer Motor – selbstständig zu sein.
Sie haben das unglaublich gut geschafft. Sie sind für mich eine grosse Inspiration. Man erschrickt, wenn man eine solche Diagnose erhält. Im Gegensatz zu Ihrem Arzt waren Sie sehr verständnisvoll und haben Mut gemacht. Das fand ich grossartig. In diesen 30 Jahren hat sich in der Beratung vieles verändert.
Ja, technisch hat sich sehr viel zum Positiven verändert. Die Hilfsmittel sind stabiler und besser geworden – sei es am Computer mit Vergrösserungssoftware oder mit Smartphones, die bereits sehr gut mit Bedienungshilfen ausgestattet sind. Man muss sie nur aktivieren. Wenn man den Umgang damit lernt, kann man eigentlich alles machen, was auch gut sehende Menschen machen können.
Wenn jemand diese Diagnose erhält: Was würden Sie dieser Person als Erstes sagen? Welche Botschaft haben Sie für diese Menschen?
Dass sie sich genügend Zeit für die Trauer nehmen sollen. Es ist wirklich, als ob …
Ein Sehverlust – egal, wie gross er ist und in welchem Alter er geschieht – ist wirklich, als ob man einen geliebten Menschen verliert. In der Erwachsenenbildung schrieb ich eine Diplomarbeit über Kübler-Ross, weil die dort beschriebenen Trauerphasen auch bei einem Sehverlust auftreten. Als Erstes versuche ich deshalb, gemeinsam mit der Person, die mir gegenübersitzt, herauszufinden, in welcher Phase sie steckt.
Denn wenn sie noch in der Verzweiflung oder in der Zornphase steckt, ist sie nicht aufnahmefähig für …
… neue Hilfsmittel oder vielleicht eine Umstellung im Haushalt. Dann rate ich der Person eher, zuerst ein Gespräch mit unseren Sozialarbeiterinnen in Anspruch zu nehmen – oder, in manchen Situationen, psychologische Unterstützung.
Gibt es eine Geschichte aus Ihrer Arbeit, die Ihnen besonders nahegegangen oder in Erinnerung geblieben ist?
Da gibt es viele.
Es gibt sehr viele. Aber eine wird mir sicher immer in Erinnerung bleiben.
Das war eine 92-jährige Frau, die zu mir in die Beratung kam. Sie hatte drei erwachsene Kinder, und alle hatten ein Austauschjahr in Amerika gemacht. Dummerweise hatte sich jedes dieser Kinder in Amerika verliebt.
Sie blieben dort, heirateten, und auch die Enkelkinder lebten in Amerika. Sie konnte also nicht einfach schnell für ein Wochenende zu ihren Enkelkindern reisen. Deshalb wagte sie sich an den Computer und sagte: «Ich muss …»
«… einfach E-Mails schreiben können.» Das lernte sie. Damals kamen auch die ersten iPhones mit Sprachausgabe und Diktierfunktion auf. Sie besorgte sich ein Smartphone, und wir fingen ganz von unten an, damit zu arbeiten. Nach den ersten zwei Wochen kam sie in mein Büro, knallte mir das Gerät auf den Tisch und sagte: «Ich lege es auf die Schienen.»
«Ich will dieses Ding nicht mehr haben, es ärgert mich nur.» Wir übten dann aber nochmals.
Nach etwa drei oder vier Monaten wurde sie nervös, wenn sie das Smartphone nicht bei sich hatte, denn es war zu ihrem alltäglichen Hilfsmittel geworden. Das war grossartig – allein schon wegen ihres Alters, denn sie war 92, als sie damit begann. Sie lernte wirklich alles: das Zehnfingersystem, E-Mails und später den Umgang mit dem Smartphone und WhatsApp.
Das war wirklich ein grosses Highlight.
Schön. Da waren Sie für diese Person sicher auch eine Inspiration.
Sie hat noch einiges besser gesehen als ich.
Ihre Aussage war: «Wenn Sie das schaffen, dann schaffe ich das erst recht.» Das war, glaube ich, motivierend.
Das glaube ich. Und jetzt werden Sie selbst pensioniert.
Genau.
Sie malen ja auch. Worauf freuen Sie sich sonst, wenn Sie jetzt in den verdienten Ruhestand gehen?
Ich freue mich auf sehr viele Dinge. Endlich Zeit zu haben, um Dinge zu machen, die man immer aufgeschoben hat, weil die Zeit nicht reichte – sei es Malen, wieder Schreiben oder Lesen. Ich müsste ungefähr 1500 Jahre alt werden, um all das zu lesen, was ich noch möchte. Daher werde ich die Zeit sehr intensiv für all diese Dinge nutzen.
Frau Zahner, lesen Sie Bücher oder hören Sie Bücher? Ich bin beim Hören.
Hören ist auch Lesen. Viele Menschen, die das nicht kennen oder zu wenig praktizieren, sind sich nicht bewusst, wie viel Konzentration es braucht – vor allem am Anfang, wenn man mit Hörbüchern beginnt. Das Hören kann genauso ermüdend sein wie das Lesen mit Augen, die nicht mehr so stark sind. Deshalb muss ich mir das immer einteilen. Fachliteratur lese ich mit einer Lupenbrille oder lasse sie mir vom Smartphone vorlesen. Es gibt eine App mit Vorlesefunktion. Ansonsten bin ich bei der Blindenhörbücherei und höre mich kreuz und quer.
Spannend. Ich habe aufgehört, Fachbücher zu lesen, weil ich das Hören extrem schwierig finde.
Es ist wirklich schwierig.
Ich komme ja nochmals zu Ihnen in die Beratung.
Ja.
Bevor Sie gehen, haben wir das ja abgemacht. Mein Podcast ist nicht so lang, deshalb kommen wir langsam zum Ende. Wie Sie wissen, habe ich ihn ins Leben gerufen, weil ich gerne Menschen interviewe, die Mut machen – gerade in diesen Zeiten, in denen es oft schwierig ist, herauszufinden, in welche Richtung wir gehen. Sie haben mich sehr beeindruckt. Wie schaffen Sie es, so optimistisch und neugierig zu bleiben?
Wie gesagt: Bis zu einem gewissen Grad ist das wohl genetisch bedingt. Ich hatte eine Mutter, die äusserst motivierend und immer sehr zuversichtlich war. Auch meine Geschwister hatten eine Vorbildfunktion für mich und haben ihr Leben gemeistert. Ich denke, man hat zwei Möglichkeiten: Entweder gibt man auf und legt die Hände in den Schoss, oder man sagt: «So, und jetzt erst recht.» Ich bevorzuge die zweite Variante.
Da haben wir etwas gemeinsam, denn dieser Podcast ist ebenfalls ein Teil davon: Mut zu machen und trotz meiner 72 Jahre noch etwas zu dieser Gesellschaft beizutragen.
Ja.
Frau Zahner, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch und freue mich, in den kommenden Wochen wieder bei Ihnen vorbeikommen zu dürfen.
Auf jeden Fall, darauf freue ich mich auch.
Vielen herzlichen Dank.
Danke vielmals. Ich nehme aus diesem Austausch mit Frau Zahner vor allem eines mit:
Auch wenn das Sehvermögen immer kleiner wird, müssen die Möglichkeiten im Leben nicht kleiner werden. Mit der richtigen Unterstützung, mit Offenheit für neue Technologien und mit Menschen, die ihr Wissen so grosszügig weitergeben wie Frau Zahner, kann ein selbstbestimmtes Leben weiterhin möglich sein. Und euch, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer: Vielen Dank, dass ihr bei «Traces of Light» dabei wart. Im Gespräch haben wir absichtlich keine Markennamen oder Namen von Institutionen genannt. Wir hoffen, euch so inspiriert zu haben, dass ihr diese selbst im Internet findet.
Genauso, wie ihr «Traces of Light» immer wieder findet – ungefähr alle drei Wochen. Bis zum nächsten Mal. Und denkt daran: Selbst in den dunkelsten Momenten gibt es Spuren von Licht.
Manchmal braucht es nur jemanden, der sie uns zeigt.
Das war «Traces of Light», ein Podcast von Elsbeth Horbaty, die auf der Suche nach Menschen und Gemeinschaften ist, die in diesen schwierigen Zeiten Mut machen.