Traces of light

Elsbeth Horbaty
Since 10/2024 12 Episoden

#9 Brasilien im Wandel: Kann die Gesellschaft zusammenwachsen?"

03.02.2025 16 min

Zusammenfassung & Show Notes

In dieser Folge von Traces of Light begibt sich Elsbeth Horbaty auf die Suche nach Hoffnung und Mut inmitten schwieriger Lebensrealitäten. In einer Favela von São Paulo trifft sie auf Ziggy, den Direktor der NGO SEDECA, die Opfer von Gewalt unterstützt. Er erzählt von den Herausforderungen, mit denen die Gemeinschaft konfrontiert ist – insbesondere gefährdete Mädchen – und wie seine Organisation versucht, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen.

Die Episode beleuchtet die tiefe soziale Kluft zwischen Arm und Reich in Brasilien sowie den Einfluss von Schönheitsidealen und kosmetischen Eingriffen auf die Gesellschaft. Doch es geht nicht nur um Probleme – auch die Kraft der Musik spielt eine zentrale Rolle. Besonders der Choro, ein traditioneller brasilianischer Musikstil, wird als Symbol für Vielfalt und Harmonie in einer gespaltenen Gesellschaft thematisiert.
Am Ende bleibt die Frage: Kann Brasilien eines Tages seine tiefen Gegensätze überwinden?

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Transkript

Willkommen bei Traces of Light. Esbbeth Hobarty nimmt dich mit auf die Suche nach Menschen und Gemeinschaften, die in diesen schwierigen Zeiten Mut machen. dröhnende Lärm der Formel-1-Autos im Süden von der Metropole Sao Paulo ist ohrenbetäubend. Seit 1940 ziehen die Piloten hier ihre Kreise auf dieser Piste in Interlagos. Namen wie Emerson Fittipaldi oder Nelson Piquet, die hier die Grand Prix gefahren sind, liegen sogar mir im Ohr. Unglaublich, dass gleich neben der lärmigen Kurve der Rennbahn eine riesige Favela entstanden ist, wo heute über 200'000 Menschen leben. Ich fahre mit Ziggy, dem Direktor von SEDECA, einer NGO, durch das Viertel. Er leitet die Organisation, die sich auf die Welt befindet. Er hat die Betreuung von Opfern von Gewalt, vor allem Kindern und Jugendlichen, spezialisiert. Ich frage ihn und auch mich, ob ihr Engagement in dieser Gegend wohl nur ein Tropfen auf einen heissen Stein ist? Oder vielleicht doch eine Lichtspur, eine Hoffnung auf ein neues Miteinander in dieser brasilianischen Gesellschaft, die von vielen tiefen Gegensätzen zerrissen wird? Guten Tag, ich bin Elspeth Hobarty. Ich bin Elspeth Hobarty und gerade 70 geworden. Eine Augenkrankheit lässt meine Sehkraft zunehmend verblassen und ich könnte einfach abwarten, bis es dunkler wird in meinen Augen und auf dieser Welt um mich herum. Stattdessen mache ich mich auf die Suche nach Menschen, die mutig neue Wege gehen, nach Gemeinschaften, die Hoffnung machen und nach kleinen Bewegungen, die Grosses bewirken könnten. Mit den Erinnerungen an meine Zeit als Journalistin, Mutter und Beobachterin dieser Welt, lade ich dich ein, mich auf dieser Reise zu begleiten. Während ich mit Sigi, dem Direktor von SEDECA, durch die engen Strassen von Interlagos fahre, erzählt er mir, wie das Viertel entstanden ist. Als die Rennbahn vor rund 100 Jahren gebaut wurde, war ein Schweizer Ingenieur daran beteiligt. Da die Rennbahn zwischen zwei Seen liegt, erinnerte dieser Ingenieur sich, an seine Heimat Interlaken. Daher der Name Interlagos. Obwohl Sigi die Schweiz nur als Bild erkennt, meint er, der Unterschied könnte wohl nicht krasser sein. Er erklärt mir, dass das Quartier Interlagos seine Heimat ist. Als neunjähriger Junge kam er mit seiner Mutter aus dem ärmeren Nordosten, aus Bahia, nach Sao Paulo. Er fing an, hier an der Rennbahn für die Zuschauer und die Rennfahrer Eis zu fahren. Den Namen Sigi hatte er aus dieser Zeit, weil seine Mutter ihn nie erwischte, wenn er im Zickzack davonrannte, weil er wieder irgendetwas angestellt hatte.
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Ich war sehr geistig. Das war das Zig-Zag. Wenn sie mich führte, um mich zu fangen, ich führte das Zig-Zag, um sie nicht zu fangen. Und dann haben sie mein Appell von Sigi gezeichnet. Und so wurde es Sigi.
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Auf der Rennbahn machte er sich überall nützlich, bis er dank dem Kontakt zu den Mechanikern selbst eine Ausbildung als Mechaniker anfangen konnte. Er hatte Glück oder Intelligenz und es war ihm möglich, die soziale Leiter aufzusteigen. Seit rund zwölf Jahren leitet er diese NGO mit etwa 70 Mitarbeitenden. Während wir mit dem Auto durch die Favela fahren, erklärte er mir, dass man die Probleme natürlich so nicht beantwortet. erzählt hier, dass in vielen Familien der Vater nicht zu Hause ist. Oft ist er im Gefängnis. Ebenfalls kommt es häufig vor, dass auch die Mutter in die Welt der Drogen abgedriftet ist. Und so machen die Kinder, was sie wollen. Sie sind auf sich alleine angewiesen. Den Jungen geht es manchmal etwas besser, weil sie mit einer Gruppe Fussball spielen oder sonst Sport machen. Aber die Mädchen sind oft alleine zu Hause und warten auf den Prinz, der sie erlösen wird. Dieser kommt dann oft als gut aussehend. Der Typ mit einem Motorrad daher. Sie sind 13 oder 14 Jahre alt. Er verkauft Drogen und der ganze Kreis fängt wieder von vorne an.
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Aber viele Mädchen sehen diese Fresse, sie sehen den Träger. Da kommt dieser Junge von aussen, lecker, schön, mit Motorrad. Und sie fragt sich, ob das ihr Prinz ist. Und wenn sie... Wenn sie 13 oder 14 Jahre alt ist, kann sie diesen Träger öffnen und denkt, dass dieser Prinz bereit ist. Und manchmal ist es nur diese Schleife, in der sie sich für einen Verkäufer verliebt. Und sie macht... Und sie macht... Wie sagen wir das? Ja. Ja. Der Flux... Was die Mutter passiert, passiert, was die Mutter passiert, passiert, was das Kind wieder passiert.
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SEDECA ist eine von rund 50 Nichtregierungsorganisationen, die versuchen, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Sie leben von Spendengeldern, viele davon aus dem Hausland. Der Gründer von SEDECA kommt, wie ich, auch aus Winterthur, wo Novo Brasil noch immer dieses Projekt hier unterstützt. Sie haben einiges erreicht. Aber es reicht natürlich... Zigi erklärt mir, dass die brasilianische Regierung in diesem Viertel nur wenige Gesundheitsstationen und Schulen unterhält, die ihnen die schwersten Fälle überweisen. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist nach wie vor tief und viele arme Familien leben in einer völlig anderen Realität. Ein bedeutender Erfolg von Präsident Ruller in seiner ersten Amtszeit war die Bekämpfung des Hungers. Seitdem werden Lebensmittelmarkete verteilt, aber die soziale Not ist noch immer da. Zedeka bietet psychologische Hilfe für Opfer von Gewalt. Eine Psychologin zeigt mir die Puppenstube in ihrer Einrichtung. Du glaubst nicht, wie viele schreckliche Szenen diese Puppenstube schon gesehen hat. Nach der Arbeit weinen viele von uns und dennoch bleiben wir da. Die Hoffnung ist es, die uns antreibt. Da kam der Workshop, den ich geleitet habe, genau zur richtigen Zeit, um für etwas Entlastung in dem herausfordernden Alltag zu sorgen. Es sind kleine Lichtblicke in einer oft düsteren Realität. Deshalb ist das Feiern und Tanzen oft sehr schwierig. Es ist sehr wichtig und so werde ich am Abend eingeladen, mit allen Mitarbeitenden den Jahresabschluss zu feiern, obwohl es Januar ist. Wir sassen bis spät in der Nacht an einer Strassenecke in Interlavos und hören einer spontanen Samba-Session zu. Die Luft erfüllt sich mit einer Musik, wo die Gegensätze des Viertels sich aufzulösen scheinen. Diese Gegensätze treffen mich umso härter, als ich wieder zurück in Londrina bin. Weg vom armen Viertel bin ich zurück in einem modernen Fitnessstudio, wo mich meine Freundin zu Pilates-Übungen eingeladen hat. Die einzigartige Mischung der brasilianischen DNA aus der indigenen Bevölkerung Europa und Afrika hat eine wunderbare Vielfalt von schönen Menschen hervorgebracht. Hier im Süden von Brasilien ist Afrika. Zusätzlich ist der Einfluss von deutschen und japanischen Migranten sehr spürbar. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die brasilianischen Frauen grossen Wert auf Schönheit und Pflege legen. Aber oft wird mit Botox und dergleichen nachgeholfen. So lese ich bei der Society of Aesthetic Plastic Surgery, dass in Brasilien jedes Jahr bis zwei Millionen Schönheitsoperationen durchgeführt werden, pro Jahr. Damit liegt das Land an der Spitze, knapp hinter den USA. Ich mit meinen 70 Jahren bemühe mich auf einem Gerät ab, um schlanker zu werden. Und die Managerin fragt mich, welches Ziel ich denn beim Fitness hätte. Ich deute auf die langbeinige Dame mit dem flachen Bauch neben mir und sage, naja, ungefähr so. Wie lange würde denn das dauern, bis ich diese Figur hätte? Die Managerin lächelt diplomatisch und sagt, na, da müssen Sie schon ein paar Monate rechnen. Ich schmunzle mit und meine, dass ich ja am Samstag wieder zurück in die Schweiz fliege und somit nicht mehr bei ihr arbeiten könnte. Kein Problem, sagt die Managerin, dann können Sie auch bei mir per Video-Zoom für Privatlektionen sich anmelden. Ich werde mir das wirklich überlegen. Jetzt nachher. Nach einem Monat Besuch in diesem faszinierenden Land Brasilien bleibt die Frage, wird Brasilien es eines Tages schaffen, die tiefen Gegensätze zu überwinden? Die Regierung von Präsident Lula bemüht sich, doch in seiner zweiten Amtszeit scheint ihm die breite Unterstützung zu fehlen und Stimmen von Korruption werden immer lauter. Noch immer halten die Worte des brasilianischen Befreiungstheologen, Leonardo Boff, in meinen Ohren, die für uns alle gelten. Wir brauchen ein neues Bewusstsein. Dabei kann jeder Mensch bei sich selbst beginnen. Wenn wir uns nicht ändern, werden wir aussterben wie die Dinosaurier. Entweder teilen wir das Wenige, das wir haben, oder es wird für niemand genug da sein. Brasilien könnte eine Nische sein, die neue Träume hervorbringt. Mit der realen Möglichkeit, seine Harmonie mit der Natur zu verwickeln und offen gegenüber allen Völkern zu sein. Wo ich heute schon eine Lichtspur von diesem neuen Brasilien wahrnehme, ist in seiner Musik. Zum Abschied wurde ich am Sonntagnachmittag in einem Park in Londrina eingeladen. Hier erklärt mir die Sängerin Silvia bei einem kalten Bier ihre Gedanken zu diesem Thema.
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Es ist die erste genuin brasilianische Musik, eine urbane brasilianische Musik. Choro ist eine Mischung der europäischen Rhythmen, die hierher kamen während der Kolonisierung, mit den afrikanischen Rhythmen, die mit der Sklavisierung kamen. Die Negren haben gemischt, um diese Popmusik zu bringen,
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die hierher kamen, die hierher kamen, die hierher kamen, die hierher kamen. Die Musik des Choro ist eine brasilianische Musikrichtung, die europäische Tanzmusik wie Walzer und Polka mit afrikanischen Rhythmen und brasilianischer Volksmusik verbindet. Choro ist wie die Gesellschaft, die wir uns wünschen, sagt Silvia. Eine wunderbare Melodie aus Vielfalt, in der sich unterschiedliche Einflüsse, diese vermischen, ohne ihre Ursprünge zu verlieren und gemeinsam etwas Neues und Harmonisches erschaffen. Das war Traces of Light, ein Podcast von Elsbeth Horbaty, die auf der Suche nach Menschen und Gemeinschaften ist, welche in diesen schwierigen Zeiten Mut machen.